Dhamma / Dharma

Auszug aus Wikipedia:

Dharma im Buddhismus

Dem Begriff Dharma (Sanskrit) bzw. Dhamma (Pali) kommen im Buddhismus verschiedene kontextabhängige Bedeutungen zu. In einer der möglichen Lesarten bezeichnet er die Lehre Buddhas. Der Dharma als das vom Buddha erkannte und verkündete Daseinsgesetz beinhaltet die Lehre von den Vier Edlen Wahrheiten und bildet in der Zufluchtsformel „Ich nehme Zuflucht zu Buddha, Dharma und Sangha“ eines der ‚Drei Juwelen‘, die auch als die ‚Drei Zufluchtsobjekte‘ bezeichnet werden. Vor diesem Hintergrund gilt der Dharma als ein Meditationsobjekt der Zehn Betrachtungen (anussati). Im Mahayana und Vajrayana verweist der Begriff neben der Lehre Buddhas zudem auf die Lehren der großen Bodhisattvas und aller Meister, die in der Nachfolge Buddhas Erleuchtung erlangt haben. Darüber hinaus ist das Wort als Sammelbezeichnung für die Gesamtheit aller Phänomene gebräuchlich.

Philosophische Bedeutung

In seiner philosophischen Bedeutung, die insbesondere im Zuge der Abhidharma-Scholastik herausgearbeitet wurde, bezieht sich der Begriff dharma – hier klein geschrieben und meist im Plural verwendet – auf die grundlegenden, nicht weiter reduzierbaren Elemente, aus denen sich die menschliche Erfahrungswelt mit ihren mentalen und materiell-physischen Gegebenheiten zusammensetzt. Diese ‚Bausteine der Realität‘, für die sich in der buddhistischen Terminologie im deutschsprachigen Raum der von Helmuth von Glasenapp vorgeschlagene Fachausdruck ‚Daseinsfaktoren‘ weitgehend durchgesetzt hat, sind aufgrund ihrer unmittelbaren Einbindung in die buddhistische Heilslehre jedoch nicht mit Atomen im Sinne Demokrits vergleichbar, da sie grundsätzlich keine Substanz aufweisen. Ihre Darlegung soll weniger eine ontologische Welterklärung liefern, als vielmehr den Praktizierenden vor dem Hintergrund der Anatta-Lehre darüber aufklären, wie die Annahme eines beständigen Erfahrungsträgers – eines Selbst – zustande kommt und ihm einen praktisch nachvollziehbaren Leitfaden zur Seite stellen, um diese Annahme als eine auf Anhaftung beruhende Interpretation des bedingten Zusammenspiels der Daseinsfaktoren zu durchschauen, und sie auf dem Wege der meditativen Analyse schließlich leichter aufgeben zu können.

Bedingte/Unbedingte Daseinsfaktoren

Es wird bei dieser Klassifizierung eine grundlegende Unterscheidung zwischen ‚bedingten‘ und ‚unbedingten‘ Daseinsfaktoren vorgenommen. Die ‚bedingten‘ Daseinsfaktoren tragen die drei Daseinsmerkmale – sie treten in ständig wechselnden Kombinationen zusammen und werden als fluktuierende Potentialitäten verstanden, als punktuelle Kraft- oder Energiekonzentrationen, welche im Bedingungszusammenhang des Entstehens in Abhängigkeit (pratityasamutpada) sowie dem Gesetz des Karma folgend aufeinander einwirken und dadurch beim Menschen den Eindruck einer der Welt gegenüberstehenden, beständigen Person (pudgal) erwecken, dabei aber ebenso veränderlich sind wie das vielschichtige Spektrum an beobachtbaren Phänomenen, Zuständen und Ereignissen, das ihr Zusammenspiel in gegenseitiger Abhängigkeit hervorbringt. Auf die ‚unbedingten‘ dharmas, zu denen je nach Auslegung der einzelnen Schule das Nirvana und/oder der Sunyata gezählt wird, treffen die Aspekte der ‚Leidhaftigkeit‘ (dukkha) und ‚Vergänglichkeit‘ anicca hingegen nicht zu. Sie nehmen hier insofern eine Sonderrolle ein, als sie dem dynamischen Prozess von Entstehen und Vergehen nicht unterworfen sind. Auch die Buddha-Natur gilt als unvergänglich beziehungsweise ewig. Die Buddhanatur wird in manchen buddhistischen Lehrsystemen als die Natur des Geistes oder als klares Licht ursprünglichen Gewahrseins bezeichnet. Im Nirvana-Sutra wird die Buddha-Natur (Buddha-dhatu) vom Buddha selber als „das wahre Selbst“ Buddhas erklärt und als „beständig, fest und ewig“ (nitya, dhruva, sasvata) beschrieben. Sie wird auch mit dem Dharmakaya gleichgesetzt.

Entwicklung der Dharma-Lehre

Die Dharma-Lehre in ihrer Form als komplex gegliedertes System konkretisierte sich erstmals im Korb der Abhandlungen des Pali-Kanon, der an den von Buddha Shakyamuni überlieferten Lehrreden anknüpft und diese durch eine nach bestimmten Themengebieten geordnete Zusammenfassung näher erläutert. Diese von Buddhas Schülern vorgenommene ausführliche Klassifizierung der dharmas sollte dazu dienen, eine analytische Grundlage für die Meditationspraxis zu schaffen und war somit als didaktisches Hilfsmittel gedacht. Auf diese Weise wird die Dharma-Lehre auch heute nach wie vor im Theravada gelehrt und praktiziert. Sie ist damit eine konsequente Fortführung der bereits über die zahlreichen Lehrreden Buddhas hinweg angesprochenen Kategorien ‚Bewusstsein und Geistesfaktoren‘ (nama) und ‚Körperlichkeit‘ (rupa), die in fünf Aneignungsgruppen (skandhas) untergliedert und schließlich in viele weitere Kategorien aufgefächert werden. Dazu gehören:

  • die ‚sechs Elemente‘ (dhatus) – Erde, Feuer, Wasser, Luft, Raum und Bewusstsein
  • die ‚zwölf Sinnesfelder‘ (ayatanas) – die sechs Sinnesorgane: Auge, Ohr, Nase, Zunge, Körper, Geist, und die sechs Sinnesobjekte: Sehobjekt, Klang, Geruch, Geschmack, Berührung, Denken, sowie
  • die ‚achtzehn Elemente‘ (dhatus), welche die zwölf Sinnesfelder zuzüglich der ihnen entsprechenden Bewusstseinsarten umfassen

Es gibt im Buddhismus keine einheitliche Gesamtzahl aller Dharmas, sie variiert jeweils von Schule zu Schule und reicht dabei verschiedenen Auflistungen von 75 (im Sarvastivada) über 82 (Theravada) und 84 (Sautrantika), bis hin zu 100 (im Yogacara). Die einzelnen Faktoren wurden dabei zusätzlich mit den ihnen entsprechenden Kennzeichen ‚heilsam‘, ‚unheilsam‘ und ‚neutral‘ versehen.

Die Dharmatheorie wurde später von den scholastisch ausgerichteten Hinayana-Schulen weiter ausgearbeitet und auch von den nachfolgenden Strömungen des Mahayana übernommen, wobei hinsichtlich Natur und Status der Dharmas stark voneinander abweichende Auffassungen vertreten wurden. Während die zum Hinayana zählenden Schulen des Sautrantika und des Sarvastivada einen Disput darüber führten, ob die Dharmas nur in der Gegenwart oder in allen drei Zeitabschnitten wirksam seien, bzw. ob sie letztendliche Wirklichkeiten (paramattha) oder bloße Momente (kshanika) darstellten, wurden in den Schulen des Mahayana ausnahmslos alle Dharmas für ‚leer‘ (sunya) von einer Eigennatur (svabhava) erklärt und die strikte dichotome Trennung zwischen Bedingtem und Unbedingtem auf diese Weise relativiert. Die radikale Ausweitung der Leerheit (sunyata) auf alle Daseinsfaktoren (dharmasunyata), welche sich ansatzweise bereits im Mahasanghika abzeichnete, geht neben dem zunehmenden Einfluss der Prajnaparamita-Literatur auf die Auseinandersetzungen zurück, die Nagarjuna, dessen Wirken die Grundlage für die dem Mahayana zugehörige Schule des Mittleren Weges (madhyamaka) bildete, insbesondere mit Vertretern des Sautrantika und des Sarvastivada führte.

Zwei Wahrheiten

Im Zuge der Klassifizierung der Daseinsfaktoren nach Buddhas Tod wurde außerdem die für den Buddhismus charakteristische Lehre von den ‚Zwei Wahrheiten‘ entwickelt, in der zwischen der Ebene der relativen, verhüllten Wirklichkeit (samutti sacca) und der Ebene der höchsten Wirklichkeit (paramattha sacca) unterschieden wird. Den Daseinsfaktoren kommt in dieser erstmaligen Formulierung der ‚Zwei Wahrheiten‘ höchste Wirklichkeit zu, sie werden daher auch paramattha dhammas genannt. Die alltägliche Vorstellung von ‚ich‘ und ‚mein‘ sowie von konkreten, substanzhaften, voneinander unabhängigen Dingen und Personen wird hingegen der Ebene der ‚verhüllten Wirklichkeit‘ zugeordnet. Nagarjuna griff diese Methodik auf, veränderte dabei jedoch, nun unter Verwendung der Sanskrit-Begriffe samvritti satya und paramartha satya, die Einteilung der Wahrheitsgrade grundlegend. Die zuvor noch im abhidharmischen Sinne als höchste Wirklichkeit beschriebenen Daseinsfaktoren verlegte er – wie alles sprachlich Ausdrückbare – auf die Ebene der samvritti satya.Mit der Abwandlung der Verfahrensweise in Bezug auf die ‚Zwei Wahrheiten‘ verfolgte Nagarjuna vor dem Hintergrund der zu seiner Zeit geführten Diskussionen über den Realitätsstatus der dharmas das Ziel, ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass sich ‚letztendliche Wahrheit‘ nur in der ‚Leerheit‘ zeigt, jedoch nicht verbal beschrieben werden kann, da jede Aussageweise eine ‚bedingte Wahrheit‘ zum Ausdruck bringt, die als solche keine absolute Gültigkeit besitzt. Der Praktizierende könne daher durch eine Aussageweise, wenn sie das Kriterium eines geschickten Mittels (upaya) erfüllt, lediglich auf den ‚Mittleren Weg‘ hingeführt werden, um dann schließlich selbst, als Folge einer durch Praxis zur Reife gelangten tiefgehenden Einsicht, jedwedes Anhaften an Konzepten im Bereich der gedanklichen Entfaltung (prapanca) aufzugeben und inneren Frieden zu erfahren. In der Schule des Yogacara wurde diese Tendenz beibehalten, von der ausschließlich verneinenden Aussageweise, wie sie Nagarjuna einsetzte, wurde hingegen abgewichen, um die Anwendung des vom Madhyamaka in seiner Deutung weiter ausgebauten Leerheitsbegriffes mittels positiver Formulierung auf die im Yogacara behandelte Bewusstseinsanalyse zu ermöglichen.

Zitat aus Wikipedia